Kommunalforum St.Gallen – Sinnvolle Lenkung baulicher Aktivitäten in der Schweiz gefordert

Seit 1935 hat sich die gesamte Siedlungsfläche der Schweiz verdoppelt. Die Einwohnerzahl wuchs seit 1980 um 1.5 Mio. und nimmt jährlich um weitere 50'000 bis 100'000 Einwohner zu. Was hingegen nicht wächst, ist der zur Verfügung stehende Raum. Unsere Wohn-, Wirtschafts- und Landschaftsräume genau zu definieren, wird nun die grosse Herausforderung der Raumplanung sein. Anregungen dazu lieferten Regierungsrat Willi Haag, St.Gallen, Dr. Maria Lezzi, Direktorin des Bundesamtes für Raumentwicklung, und Dr. Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse im Rahmen des von OBT und Credit Suisse durchgeführten Kommunalforums St.Gallen.

Mit dem Zitat «Oft ist die Zukunft schon da, ehe wir ihr gewachsen sind» von John Ernst Steinbeck eröffnete Dr. Jean-Claude Kleiner von OBT das Kommunalforum St.Gallen 2011 und verwies damit auf die Wichtigkeit einer aktiven Raumplanung in der Schweiz. Über 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus öffentlichen Ämtern auf Gemeinde- und Kantonsebene waren der Einladung in den Pfalzkeller gefolgt, um wichtige Anregungen für ihre behördliche Arbeit in der Raumplanung zu erhalten.

«Das Haus Schweiz hat viele Zimmer, gestalten Sie es aktiv mit!»
Dr. Maria Lezzi stellte fest, dass die Raumentwicklung in der Schweiz noch nicht jene Nachhaltigkeit aufweise, welche den Erhalt der Lebensqualität auch für nachfolgende Generationen sichere. Obwohl die Raumentwicklung in erster Linie Aufgabe von Kantonen und Gemeinden ist, liegt der Bund deren Rahmenbedingungen fest, um die geforderte Nachhaltigkeit unseres begrenzten Lebensraums zu gewährleisten. Die Schonung von Kulturland und Landschaften — welche unter anderem die Qualität der Schweiz ausmachen — könne nur durch eine Entwicklung der Siedlungsgebiete nach innen erreicht werden. Eine solche Entwicklung sei sicherlich anspruchsvoller als eine Planung auf der grünen Wiese. Mit finanziellen Anreizen wie Agglomerationsprogrammen und Modellvorhaben fördert der Bund die rasche Umsetzung einer solchen nachhaltigen Raumentwicklung. Dr. Maria Lezzi verwies auch auf das Raumkonzept Schweiz, welches zahlreiche Instrumente für eine besser koordinierte nachhaltige Raumentwicklungspolitik liefert. Eindrücklich zeigte die ARE-Direktorin auf, dass eine nachhaltige Raumentwicklung nichts Abstraktes ist, sondern in unserem Alltag stattfindet, und appellierte ans Publikum: «Das Haus Schweiz hat viele Zimmer, gestalten Sie es aktiv mit!».

Bauliche Aktivitäten nicht verhindern, sondern sinnvoll lenken
Mit durchschnittlich 189 Einwohnern pro Quadratkilometer ist die Schweiz einer der am dichtesten besiedelten Staaten innerhalb Europas. Bis ins Jahr 2030 ist die Erreichung der 9-Millionen-Einwohnermarke sehr wahrscheinlich. Die Raumplanung ist deshalb eines der wichtigsten Themen auf der politischen Agenda. Dr. Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse hat in einer Studie untersucht, wie die 26 Kantone die Vorschriften zur Raumentwicklung umsetzen, und auch die Anwendung der rund 30 Instrumente zur Siedlungssteuerung analysiert. Auch im Kanton St.Gallen hat sich das Siedlungsgebiet massiv ausgedehnt, Orte wachsen zu Agglomerationen, Talschaften zu Siedlungsbändern zusammen. Verglichen mit den anderen Kantonen weist St.Gallen zwar eine recht gut entwickelte Planungskultur auf, obwohl diese aufgrund des heterogenen Kantonsgebiets hohe Anforderungen an die Verantwortlichen stellt. Dennoch bestehe noch einiges Verbesserungspotenzial vor allem hinsichtlich der Bauzonenpolitik, der Planung funktionaler Räume und der Baulandmobilisierung, so Dr. Daniel Müller-Jentsch.

Im abschliessenden Podiumsgespräch nahm Regierungsrat Willi Haag den Ball auf und betonte, dass das Ranking innerhalb der Kantone für ihn eine eher untergeordnete Rolle spiele, St.Gallen als wichtiges Zentrum in der Ostschweiz aber auf Bundesebene besser wahrgenommen werden sollte. In der Raumentwicklung setzt er auf den Pragmatismus und darauf, dass alle am selben Strick ziehen. Denn die Raumplanung im Kanton St.Gallen funktioniere nur zusammen mit den Gemeinden, mit welchen er die verschiedenen Raumentwicklungsinstrumente aktiv diskutieren möchte.

v.l.n.r.: Willi Haag, Dr. Daniel Müller-Jentsch, Dr. Maria Lezzi, Dr. Jean-Claude Kleiner

Dr. Maria Lezzi, studierte und dissertierte an der Universität Zürich in Geographie. Bis 2001 war sie stellvertretende Geschäftsführerin der Regio Basiliensis, danach während acht Jahren Leiterin der Hauptabteilung Planung im Hochbau- und Planungsamt des Kantons Basel-Stadt. Von 2004 bis 2009 war sie Mitglied der ausserparlamentarischen Kommission «Rat für Raumordnung». Seit 2009 ist sie Direktorin des Bundesamtes für Raumentwicklung ARE.

Dr. Daniel Müller-Jentsch wuchs in Deutschland auf und studierte in London Wirtschaft. Doktoriert hat er an der Universität Erlangen. Danach war er für die Weltbank weltweit an verschiedenen Orten tätig, unter anderem im Nahen Osten. Heute ist er Projektleiter bei Avenir Suisse. Seine jüngste Publikation trägt den Titel «Die neue Zuwanderung – die Schweiz zwischen Brain Gain und Überfremdungsangst».

Kontakt
Tanja Zumbrunn, OBT AG, Rorschacher Strasse 63, 9004 St.Gallen, T +41 71 243 34 18, tanja.zumbrunn(at)obt.ch